Karneval 2005

Episode I

 

 

Im Februar wars mal wieder soweit. Die fünfte Jahreszeit rückte unaufhörlich näher. Karneval oder „Fasteloovend“, wie der Kölner sagt, stand vor der Tür. Für den wohl größten Teil aller Rheinländer sind dies wohl die wichtigsten Feiertage im Jahr.

Für Sigrid, Martina, Andrea und Gerda liefen die Vorbereitungen schon seit Wochen auf Hochtouren. Sie trafen sich regelmäßig zwecks Besprechung und Herstellung ihrer Kostüme. In diesem Jahr hatten die vier sich entschlossen, als Hexen ihr Unwesen zu treiben.
Zu ihrem Outfit gehörten liebevoll genähte Kostüme (vielen Dank an Gerda!), große spitze Hüte und auch Reisigbesen, die sich aber leider als total fluguntauglich herausstellten. Naja… vielleicht wars auch der falsche Zauberspruch.
Damit konnte ich leben.
Aber noch viel schlimmer war die Tatsache, das die Mädels sich für schwarze NETZSTRUMPFHOSEN entschieden hatten.
Allein der Gedanke daran führte dazu, das mir ständig eiskalte Schauer über den Rücken liefen. Damit aber nicht genug. Ich hatte massive Schlafstörungen und permanenten Würgereiz. Mich plagten Depressionen und sogar Selbstmordgedanken. Ich ließ mich total hängen und vernachlässigte die Körperpflege.

So geht’s mir eigentlich immer, wenn ich nur das Wort STRUMPFHOSE höre oder lese.
Unvorstellbar für mich, das meine Frau nach so vielen Jahren Abstinenz jetzt wieder rückfällig werden sollte.
Dem musste Abhilfe geschaffen werden. Ich hegte einen teuflichen Plan. Für solche Probleme gibt’s ein Zauberwort: EBAY !!!.
Dort konnte ich dann auch noch sehr preiswert ein Paar neue schwarze Netzstrümpfe, sogar mit Naht, ergattern.
Nach drei Tagen brachte der liebe Postbote die heiss begehrte Sendung. Hübsch waren sie anzusehen. „Einheitsgrösse“ stand auf der Verpackung.

       


Ein sofort eingeleiteter Längendehntest bestätigte mir, das die Strümpfe mehr als flexibel und für (fast) alle Einsatzzwecke tauglich waren. Sie würden sicherlich kleinwüchsigen aber auch 2-Meter-Damen passen. Von der Reißfestigkeit ganz zu schweigen.

Ich nahm einen Strumpf und knotete ihn fest an den Griff unseres Küchenfensters. Mit dem anderen Strumpfende in der Hand bewegte ich mich langsam und vorsichtig in Richtung Küchentür (Anm.: unsere Küche ist ca. 4 Meter lang).

Kurz vor dem Ziel hörte ich ein seltsames Geräusch, welches immer lauter wurde.
Einigen Lesern wird bekannt sein, das wir in unserer Gegend bereits 2 mal von Erdbeben heimgesucht worden sind. So in etwa würde ich dieses Geräusch definieren. Jetzt ging alles sehr schnell. Das Fenster brach aus der Wand und flog auf mich zu. Nachdem ich mich aus den Trümmern befreit hatte, krampfhaft immer noch den Strumpf festhielt, musste ich zu meinem Erstaunen feststellen, das unsere Küche (ich übrigens auch) stark renovierungsbedürftig war.
Aber… Was solls. Die Tapete gefiel uns eh schon lange nicht mehr. Da, wo vor ein paar Minuten noch ein Fenster war, klaffte jetzt ein großes Loch in der Wand. Natürlich hat dies auch seine Vorteile. Zeitungsbote und Briefträger müssen sich nicht mehr mit dem engen Schlitz unseres Briefkastens herumärgern und die Luftzirkulation in unserem alten Haus ist jetzt viel besser. Außerdem finden unsere beiden Katerchen viel schneller den Weg auf die Strasse. O.k.… die Heizkosten werden ein wenig steigen, aber das nehme ich in Kauf.

Ich weiche vom Thema ab. Zurück zum Netzstrumpf.

Ihr werdet es nicht glauben, aber er hat diesen Vorfall ohne sichtliche Blessuren heil überstanden. Noch nicht mal eine klitzekleine Laufmasche (gibt’s bei Netzstrümpfen überhaupt Laufmaschen???) fiel mir nach eingehender Prüfung auf.

Der Kauf hat sich also in jeder Hinsicht gelohnt. Das Produkt ist absolut strapazierfähig und alltagstauglich.

Einen ausführlichen Bericht dieses Versuchs habe ich bereits an die Stiftung Warentest und den TÜV Rheinland weitergeleitet.

Ich freute mich, als mein Schatzi dann abends, ziemlich gestresst von der Arbeit heimkam. Schatzi konnte meine Freude leider nicht teilen, als sie das Ausmaß der Katastrophe in der Küche erblickte.
Dafür habe ich nun absolut kein Verständnis. Sie war sicher nur überarbeitet und leicht gereizt.

Eine heftige Diskussion folgte. Mittlerweile hatten sich auch einige unserer Nachbarn am offenen Loch, welches früher mal unser Fenster war, eingefunden. Sie schienen unser Gespräch sehr interessant zu finden. Ich hatte jedoch den Eindruck, als würden sie hinter meiner Frau stehen. Jeder auch noch so belanglose Satz von Ihr wurde mit Klatschen, Hurra-Rufen und Laola-Wellen von den netten Leuten unterstützt. Vorbeifahrende Autos hupten.
Meine Argumentation hingegen wurde ständig mit lauten Buh-Rufen und Pfiffen quittiert.
Ich kam schnell zu der Erkenntnis, das meine Nachbarn männerfeindlich eingestellt sind und mich nicht mögen.

Etwa 2 Tage später dann, meine Frau hatte sich ein wenig von dem Schock erholt, mussten die Superstrümpfe endlich unter Beweis stellen, das sie auch in der Lage waren, ein weibliches Bein zart zu umhüllen. Schließlich ist das ihre wahre und einzige Berufung.
Dazu begab ich mich mit meiner Lieblingsfrau ins Wohnzimmer, denn die Küche schien sich (wegen der Nachbarn und des Durchgangsverkehrs) nicht dazu zu eignen.

Ich hatte die Cam im Anschlag, war jedoch nicht in der Lage, ein Foto zu schießen.
Warum ist „Mann“ immer nur so zittrig und nervös, wenn „Frau“ grazil und betont langsam ihre Strümpfe überstreift???

Hach… Ich liebe dieses Ritual !!!

Wie nicht anders erwartet… Dank „Einheitsgröße“ passten sie. Die Naht war kerzengerade. Einfach nur ein toller Anblick.
Meine Liebste war auch hellauf begeistert.
Eine knappe Stunde später, ich war auf dem Weg ins Schlafgemach mit dem Vorhaben, die Netzstrumpfhose nun endgültig in die ewigen Jagdgründe zu schicken, sie gnadenlos zu zerstören.
Plötzlich kam mir aus dem Wohnzimmer ein heiseres Röcheln zu Ohren. Sofort an der Schlafzimmertüre machte ich kehrt und rannte wieder die Treppe ins Wohnzimmer hinunter.
Ein erschütternder Anblick bot sich mir. Meine Holde saß, nein, sie lag im Sessel, kreidebleich im Gesicht.
Als ich dann auf ihre Beine blickte, musste ich zu meinem Entsetzen feststellen, das sie blau anliefen.

Was war nur geschehen?
Die Strumpfränder hielten die Oberschenkel meiner leidenden Frau im festen Würgegriff und schienen sich, wie in einem drittklassigen Horrorfilm immer mehr zusammen zu ziehen.
Die Blutzirkulation wurde dadurch unterbrochen. Nun musste ich schnell handeln. Ich stürzte eilig auf meine Frau zu. Fast hätte ich ihr dabei auf die Zunge getreten. Geistesgegenwärtig öffnete ich die Clips der Strumpfhalter und riss ihr die mörderischen Netzdinger vom Leib.

So stell ich mir „Extreme-Bondaging“ vor.

Ich hielt es nicht für notwendig, Krankenwagen und Notarzt zu rufen, denn meine Frau kam relativ schnell zu sich und ihre Beine nahmen nach einer Weile wieder die gewohnte Farbe an.
Welch ein Glück… 10 Minuten später, und ich hätte die verdammte Strumpfhose bereits zerstört gehabt.
Ab diesem Moment habe ich mich damit abgefunden, das es für meine Karnevals-Hexe wohl doch besser und gesünder ist, wenn sie sich mit Strumpfhose in das närrische Treiben begibt.
Was die Netzstrümpfe angeht, so habe ich sie im Kofferraum meines Wagens deponiert.
Einer wird in Zukunft als Abschleppseil (tauglich bis 7,5 Tonnen) und der andere als Ersatzkeilriemen seinen Dienst verrichten.

Ein neues Fenster, Tapete und Küchenmöbel sind mittlerweile auch bestellt.
In ein paar Tagen beginnen die Renovierungsarbeiten.

Dies war der erste Teil meiner kleinen Geschichte.

Solltet Ihr der Ansicht sein, ich hätte ein klein wenig übertrieben, so muss ich Euch Recht geben, obwohl auch einiges der Wahrheit entspricht.

Gruß

 

*** Peter ***