Die Überraschung

 

 

 

Es war ein merkwürdiges Sommerwetter an jenem Tag, die Wolken hatten die Sonnenstrahlen am Vormittag  nur vereinzelt durchgelassen, die Luft war feucht und dampfig. Das für einen Maitag schlechte Wetter vermochte aber Alessandra nicht den Spaß zu verderben – heute war ihr erster Hochzeitstag und sie wollte Max  mit dem neuen Kleid überraschen, dass sie in einer  Mittagspause im „India“  gleich hinter dem Stephansdom erstanden hatte. Der Schnitt entsprach einem Etuikleid, mit Dreiviertelärmel und Chanelfalte, knapp über die Knie gehend und in einem knalligen Apfelgrün. Dazu gehörend die Bolerojacke, zwei Töne dunkler gehalten und ebenfalls aus Seide wie das Kleid selbst. Die passenden Pumps mit Mascherl hatte sie zufällig in einem Laden in der Tuchlauben vor ein paar Wochen entdeckt und dazu das Kleid gesucht. Sie freute sich schon auf den Abend, den Max hatte sicher irgendwo einen Tisch bestellt oder vielleicht sogar Theaterkarten erstanden – eine Bar mit anschließenden Essen wäre auch nicht schlecht, dachte sie bei sich.
Alessandra stieg bepackt mit ihren Tüten in die Tram, ringsherum klingelten die Handies im Feierabendverkehr – die meisten Leute erzählen sowieso nur einen Schmarren, nach dem Motto: „Ich bin jetzt hier! Wo bist du?!“  Sie hatte sich immer geweigert, so ein Ding mit sich zu führen – sie fürchtete auch ein bisschen die ständige Erreichbarkeit. Dass sie sich auch von Max kontrolliert fühlen würde, hat sie nie offen eingestanden, aber insgeheim liebte Alessandra ihre Unabhängigkeit. Ihren Mann liebte sie wirklich, aber in letzter Zeit hatte sie das Gefühl, dass ihre Weiblichkeit ihn nicht mehr so fesselte – aber sie waren jetzt gerade erst ein Jahr verheiratet, wie würde sich ihre Beziehung weiterentwickeln?
Alessandra verscheuchte diese ketzerischen Gedanken und beobachtete die Fahrgäste in ihrer Umgebung – heuer waren wieder viele Touristen in der Stadt, auffallend waren immer die Asiaten. Sie wurden von Jahr zu Jahr mehr, genauso wie die Russen – seit der Öffnung des Ostens verdarben sie die Preise in den Läden und nahmen in den Cafes die Plätze weg.

      Daheim angekommen, entledigte sich Alessandra erst ihren Hosenanzuges und war erstaunt, dass Max noch nicht da war. Er wird doch nicht diesen Tag vergessen haben oder gar einen Geschäftstermin bis in den Abend wahrnehmen müssen? Auf dem Wohnzimmertisch stand  ein frischer Frühjahrsstrauß und daneben lag  ein kleines Kuvert – Max hatte es also doch nicht vergessen! Hastig öffnete Alessandra den Brief und las: „Mein lieber Schatz! Alles Gute und Liebe zu unserem Hochzeitstag wünscht Dir Dein Mann Max. Wir treffen uns um acht Uhr in der „American Bar“ – Du wirst sicher noch Zeit brauchen, Dich zu richten!  In freudiger Erwartung – Dein Max!“
Typisch –  sie sollte allein in die Stadt fahren, aber was soll’s dachte Alessandra, so ist Max nun mal, immer etwas unbekümmert. 
Nach der Toilette legte sie die Kleidung zurecht, nahm die neuen Schuhe aus dem Karton und ging zu ihrer Wäschekommode. Sie öffnete die erste Schublade mit ihren Dessous und fand zu ihrem Erstaunen ein weiteres Kuvert mit der Aufschrift „Für meine Alessandra!“ –  der Text lautete:

„Du bist eine tolle Frau – und ich möchte,  dass du dieses Gefühl voll auslebst! Deine neue Wäsche erwartet Dich!  Dein Max!“  - „Was für eine Wäsche?“ fragte sich Alessandra und begann ihre Kommode einer genauen Visitation zu unterziehen. Sie benötigte ohnehin ein neuen Slip, einen BH und natürlich eine Strumpfhose. Deswegen zog sie diese Schublade als erstes auf – erstaunt nahm sie die neuen Packungen heraus, die hatte sie sicher selbst nicht eingekauft! Aber das waren gar keine Strumpfhosen, sondern alles Strümpfe! Schnell stellte
sie fest, das keine Einzige mehr vorhanden war- so ein Mist, wo hatte er sie wohl versteckt?  In der ersten Schublade der Kommode fand Alessandra ihre neue Wäsche: die neuen Garnituren waren durch einen breiten Strumpfhalter in der passenden Farbe ergänzt, manchmal mit vier oder sechs Strapsbändern; sogar ein richtiges Mieder in Schwarz mit Spitzeneinsatz im Brustbereich war dabei. Das war ja eine wirkliche eine  Überraschung,  Max hatte niemals mit einem Wort erwähnt, dass er sie gern in solcher Aufmachung sehen würde. Schließlich entschloss sie sich mitzuspielen.
Strumpfhose oder eben Strümpfe, wie auch immer, denn das neue Kleid mit Jacke sah ohne unelegant und ungepflegt aus. Die Eitelkeit und der Besitzerstolz der Jägerin ob siegte über ihre Zweifel und außerdem wollte sie ihrem Max eine Freude machen. Nach dem Schminken legte sie vorsichtig den Strumpfhalter einer schwarzen  Garnitur an, das Hoserl streifte sie über die Strumpfbänder, sicher ist sicher, sonst geht es beim Nase pudern schief, dachte sie sich. Die hellbraunen Strümpfe waren superdünn und unheimlich glatt, aber sie hatten eine Naht! So etwas kann ich doch nicht in der Öffentlichkeit anziehen, dachte sich Alessandra. Aber leider war keine andere passende Farbe ohne Naht vorhanden und so zog sie diesen Hauch von Sünde an, obwohl sie ein schlechtes Gewissen dabei hatte. Was würde ihre Mutter dazu sagen?

Sie rollte vorsichtig mit spitzen Fingern den ersten Strumpf auf und schlüpfte vorsichtig in ihn hinein.  Nach dem Hochrollen befestigte sei den hochgezogenen Strumpf an den Haltern und sah rückwärts in den Spiegel – da werde ich noch ein bisschen üben müssen, dachte Alessandra bei sich und schob die Naht gerade.
Mit dem Zweiten ging es schon etwas besser – die Nylons fühlten sich sehr glatt
und irgendwie kühlend an, sie waren auch viel dünner wie eine Strumpfhose; zumindest war dies der erste Eindruck von Alessandra.
Am Schluss  betrachtete sich sie ihr neues Darunter – der BH formte die Brust ein bisschen kegelförmig und hob sie an, er war angenehm und drückte nicht. Nach dem Schminken und  Frisieren zog sie das Kleid an – schlüpfte in die neuen Pumps und  betrachtete sich im Gang im Spiegel von allen Seiten. Die Nähte der Nylons liefen wie schlanke Linien an ihren Beinen hinauf und verschwanden unter dem Kleid – ob eine solche Betonung ihrer Beine ihr gut standen? Überhaupt, bei jedem Schritt spürte Alessandra die Strumpfbänder, sie rieben sich beim Gehen an den Schenkeln. Dieses  Gefühl war für sie sehr gewöhnungsbedürftig, hatte sie doch den Eindruck  auf der Straße, das jeder Passant sehen könnte, was sie als „Darunter“ trägt. Irgendwie fühlte sie sich beobachtet – aber das war nur am Anfang. Mit der Zeit genoss Alessandra die Blicke der Männer, die sie auf sich zog.
Die Sonne stand schon sehr tief und in den Gassen warfen die hohen Häuser
lange Schatten, als sie die „American Bar“ im Kärntner Durchgang  betrat.
Der Barkeeper sah kurz auf und nickte ihr zu – Max war weit und breit nicht zu sehen.  Alessandra spürte ihre Enttäuschung langsam aber sicher in Groll auf auf ihren Mann umschlagen, da stellte der Barkeeper unaufgefordert ihren Lieblingsdrink „Ohio“ vor ihr auf den Tresen und fragte sie, ob sie Alessandra
sei. Verblüffte bedankte sie sich für die Einladung – und war noch erstaunter, als der etwas antiquiert aussehende Mann ihr einen Schlüssel überreichte.
Der Messinganhänger des Schlüssels war mit Hotel Sacher Suite 324 graviert
und wog schwer in ihrer Hand. Überrascht bedankte sie sich und wollte aufbrechen – doch der Barkeeper hielt sie zurück, sie sollte doch nicht den schönen Drink stehen lassen. Im Gespräch mit ihm erzählte Alessandra den Anlass ihres Barbesuchs – ihr verständiges Gegenüber machte ihr ein Kompliment ob ihrer Garderobe und meinte, ihren Ehemann sollte sie schon noch etwas warten lassen um dessen Spannung zu steigern.
Endlich brach Alessandra auf, etwas beschwipst von zwei zusätzlichen  Gläsern
Sekt bog sie in Richtung Opernplatz links ein und nach wenigen Schritten stand sie vor dem Nebeneingang zum „Sacher“.  Ihr Herz schlug höher und sie umfasste den Schlüssel in ihrer Hand fester. Der Page am Eingang riss vor ihr die Tür auf und begrüßte sie mit einem „Guten Abend, gnädige Frau!“ – als Alessandra die Hotelhalle mit den schweren Teppichen und den Kristalluster betrat, spürte sie förmlich seine Blicke auf ihren Beinen. Hoffentlich wird das kein Spießrutenlauf dachte sie bei sich,  als sie die Halle durchquerte. Sie stieg in den wartenden Lift ein, der sie sanft nach oben entführte.
Der Schlüssel im Schloss drehte sich geräuschlos, die schwere Tür schwang auf
und Alessandra betrat das spärlich beleuchtete  Zimmer – ein dreiflammiger, silberner Kerzenleuchter erhellte den hohen Raum und tauchte ihn in ein romantisches und zugleich bedrohliches Licht.  Die schweren Vorhänge waren zugezogen und das Zimmer atmete regelrecht die Tradition aus, die dieses Hotel ausmachte.
Unmittelbar spürte Alessandra die Anwesenheit von Max. Er trat von hinten an sie heran und umfing mit seinen Armen ihren Körper, tastend  erforschten seine Hände ihren Körper und strichen dabei über die Hüften und ihre Oberschenkel. Sie spürte den Druck seiner Hände auf sich, die einen kleinen Moment auf den Strumpfbändern  an ihrem Po tastend verweilten.
Dann löste sich Max von ihr und forderte sie auf sich einmal um sich selbst zu drehen – trotz der hohen Pumps balancierte  sie dabei auf ihren Zehenspitzen,
um die Nahtstrümpfe zur Geltung zu bringen. Sie sah ihn lächeln und wusste nun, dass sie seinen Geschmack getroffen hatte.  Max nahm sie zärtlich in seine Arme, gratulierte ihr zum Hochzeitstag und küsste sie. Sie spürte, wie er sie sanft und bestimmt um drehte, dann schob er ihr Kleid hoch und Alessandra spürte, wie sie nass wurde. Ihr Slip war kein Hindernis für Max; Alessandra hielt sich mit beiden Händen am Bettrahmen fest, als sie seinen ersten Stoß empfing. In diesem Moment wurde sie sich vollends ihrer weiblichen  Agressivität und  Macht über Max bewusst – sie genoss diesen Augenblick!

Ogami