Das Urteil

 

 

 

Der Saal der zweiten Strafkammer  wurde  durch  die südwestliche Sonne in ein freundliches Licht getaucht – ganz als ob die postmoderne  Architektur in grauem Schiefer und die dazu im starken Kontrast stehenden Palisandermöbel das kommende  Geschehen  betonen und zugleich unwirklich erscheinen lassen wollte. Das Gerichtsverfahren war aber real und endgültig, wie sich bald herausstellen sollte. 

Die Tür hinter der Richterbank öffnete sich und die Vorsitzende trat ein und begab sich auf ihren Platz. Der Saal verharrte in angespannter Unruhe – die  Richterin ordnete umständlich ein paar Papiere, dann begann  sie: „Wir kommen  nun zur Urteilsverkündigung des Staates Las Vegas gegen  Mr. Roman  Atkinson.  Angeklagter,  erheben Sie sich!“  Roman erhob sich wie in Trance – er hatte bis zuletzt gehofft,  dass das Gericht erkennen würde,  das es sich hier um einen Justizirrtum handelte – mehrfache  Missachtung von Frauen  und deren  Rechte! Er war sich sicher, eine Intrige im Informationsbüro hatte ihn zu Fall gebracht.  Aber was war schon normal aus Sicht eines Mannes, der das Pech hatte mit den Gesetzen des Matriarchats des 22. Jahrhunderts zu kollidieren. 

„Mr. Atkinson – Sie werden zur Transformierung verurteilt. Als zusätzliche Auflage wird das Berufsbild der Soziotriesse für fünf Jahre zur Auflage  gemacht. Ort der Verbüßung der fünfjährigen Strafe wird das Bergbaugebiet Idaho Valley sein.  Die Transformierung erfolgt innerhalb von drei Tagen.“   Die Richterin bedeutete  mit einer Handbewegung  den Anwesenden  Platz zu nehmen. 

„Die Härte der Strafe begründet sich vor allen Dingen auf die gehörten Zeugen sowie auf die Unverfrorenheit des Angeklagten.  Eine weitere Instanz wird auch deswegen  ausgeschlossen. Die Verhandlung ist hiermit beendet!“

Ein Raunen ging durch die Reihen der Anwesenden,  die meisten waren Reporterinnen der Medien. Die Verteidigerin von Roman packte ihre Akten zusammen  und  wandte sich an ihn: „Mr. Atkinson, tut mir leid für Sie – aber Sie werden  sehen,  in einem Körper einer Frau lebt es sich gar nicht schlecht und die ersten fünf Jahre werden Sie schon überstehen!“  Roman hörte nur die Handschellen klicken und folgte abwesend dem Sicherheitsdienst – drei Tage und dann würde er im Körper einer Frau aufwachen!  Er, der doch so stolz auf seine Ausdauer  und sportlichen Leistungen war; in seinem Freundeskreis  war er berüchtigt für die sprints beim mountainbicking. Und er hielt Frauen nach wie vor, Urteil hin oder her, für das schwächere Geschlecht – in jeder Beziehung. Dies wagte er aber nicht mehr laut auszusprechen,  da eine solche Meinungsäußerung sicherlich seine Lage noch erschwert hätte.

Roman erwachte  – und sah sich vorsichtig um. Der Raum war in sanften Pastelltönen gehalten, ein Schrank, ein Tisch und zwei Sessel vervollständigten die Einrichtung. Durch das Fenster fiel das Sonnenlicht in schrägen Strahlen, das Licht brach sich an den schwebenden Staubpartikeln und ließ den Rest des Zimmers ins Dunkel treten. 

Roman drehte sich um und wurde seines neuen Körpers gewahr – er spürte die schweren Brüste,  als er sich auf die Seite legte und nun war er endgültig wach! 

Ruckartig stand er auf, genauer musste man jetzt „sie“  sagen – und betrachtete sich in dem Spiegel neben der Eingangstüre. Es war alles dran an dieser fremden Erscheinung – lange schlanke Beine, volle Brüste, die leicht nach oben standen; die Hüften waren betont und die Taille ausgeprägt. Eine richtige Sanduhrfigur gibt die Silhouette nicht her – dachte sich Roman. 

Die dunkelblonden Haare waren in einer kurzen Schüttelfrisur bis knapp über die Schultern gehalten der Pony stand keck in die Stirn. Die grünen Augen wirkten wie Schweinwerfer, der Mund war sinnlich geschwungen. Nach dem ersten Schrecken setzte sich Roman  auf die Bettkante und musterte die Umgebung. Langsam fing sie an zu frieren. Roman stand auf und öffnete den Schrank – sicherlich war hier etwas zum Anziehen bereit gelegt.

Der Schrank war so gut wie leer – auf einem Kleiderbügel hing ein graues Kostüm, im Fach daneben lag ein langärmeliger dünner Pulli in einem tiefen Rot. Darunter fand sie aber nicht die typische Unterwäsche, die Frauen in dieser Zeit sonst trugen, sondern ein einteiliges schwarzes Wäschestück, das ihr im ersten Moment zu klein für sie erschien. Ein schmaler Nylonslip und ein Strumpfpäckchen aus Zelophan mit Aufschrift „Nylons, extra dünn, 15 den“ lagen daneben.

„Ich muss schon sagen, Sie haben bei Ihrer Strafe Glück gehabt – den Körper, den man Ihnen zugewiesen hat – olala!“  Roman fuhr erschrocken herum und versuchte sich mit dem Stück Unterwäsche zu bedecken. „ Das ist ein Korselett – nicht sehr angenehm zu tragen,  aber als Soziotriesse ist es Ihnen verboten, Hosen oder andere Kleidung zu tragen, mit Ausnahme von Kleidern und Kostümen mit der dazugehörigen Unterwäsche und natürlich passenden Schuhen! Sie müssen immer zugänglich sein, wenn Sie wissen, was ich meine!“  Böse lächelnd fuhr die Uniformierte fort: „Oh, ich vergaß mich vorzustellen: Staffseargent Ilona Pepper, ich bin Ihre Aufsichtsbeamtin im offenen Vollzug. Ihr Name wird in Zukunft Ramona Atkinson sein, die geänderten Papiere habe ich Ihnen bereits mitgebracht!“  Sie näherte sich Ramona und bedeutete ihr, den Slip anzuziehen. Dann nahm sie das Korselett zu Hand, öffnete den Reissverschluß und die Hacken und gab es an Ramona zurück. „Los, schlüpfen Sie hinein –wir haben nicht ewig Zeit, die Stylistin wartet schon!“ forderte sie. Ramon, nun zu Ramona mutiert, schlüpfte mit einem Bein nach dem anderen in das enge Wäschestück und zog es über die Hüften und Taille nach oben, zog die Träger über die Schultern und fing die Hacken an zu schließen. Die Büstenschalen waren gepolstert und formten die Brüste leicht und hielten sie fest.  Nachdem der Reisverschluss geschlossen war, fühlte sich Ramona eingeengt, sie bekam kaum Luft und musste sich erst einmal setzen – zum Verschnaufen kam sie aber gar nicht, da Mrs. Pepper ihr bereits die Zellophantüte mit den Strümpfen unter die Nase hielt. „Seien Sie vorsichtig damit- sie sind empfindlich!“  Nach einer Weile waren auch die Strümpfe richtig befestigt und Ramona ging ein paar Schritte durch den Raum.

Die dunkelgrauen Nylons waren fest und glänzend – die Strümpfe schnitten am Beinabschluss etwas ein, so wurde Ramona immer daran erinnert,  etwas Besonderes zu tragen. Das Kostüm war von der Größe genau richtig,  der Rock saß eng um die Hüften und betonte die Taille.  Als Ramona  sich hinsetzte, um die hohen Pumps anzuprobieren, spürte sie die seitlichen Strumpfhalter, die Spannung war ungewohnt.  Fertig angezogen  betrachtete sich Ramona im Spiegel. „Muss ich immer solche Kleidung tragen?“ fragte sie den Seargent. „Nicht immer die gleiche, die Dessous können  wechseln, mal leichter, mal erotischer! Sie müssen beiden Geschlechtern gefallen, um zu Diensten zu sein.“ war die Antwort. Die hohen Absätze  verlagerten das Gewicht ihrer Brüste; die ersten Schritte auf dem Gang waren ungewohnt – vor allem das Tackern der Absätze, die unmissverständlich das Erscheinen einer Frau ankündigten,  irritierten Ramona. Früher war „er“ es, der sich an diesem Klang orientierte. Allmählich gewöhnte sie sich an das enge Mieder und empfand  es sogar als angenehm – nichts verrutschte und das Dekollete war tief und betont. Warum hatte man ihr einen Busen mit den Maßen 90 C gegeben!? 

Der Besuch bei der  Stylistin weckte in Ramona böse Ahnungen – wie konnte „Frau“ nur soviel Zeit für sich verbrauchen – aber dies war wohl unumgänglich.

„Sie werden mit der Zeit lernen, Ihr make up und Frisur zu vervollkommnen – am Anfang werden Sie mit einer Soziotriesse zusammenleben und sie wird Ihnen alles Notwendige beibringen!“ erklärte Pepper und drehte sich brüsk um; diese Ramona sah ihr zu gut aus!

„Hallo, Du musst Ramona sein – die Pepper hat dich schon angekündigt – komm doch rein!“  Ramona trat durch die Eingangstüre, die sich zischend hinter ihr schloß. „Ich bin Marion – Dein coach sozusagen!“  Marion drehte sich um und zeigte Ramona ihr neues Zuhause. Sie trug einen weit aus schwingenden Rock, unter dem schwarze Rüschen hervor spitzten die Nähte ihrer schwarzen Strümpfe, die kerzengerade verliefen;  als Oberteil trug sie ein schwarzes Top; zu dem Bourdeaux farbenen  Rock gab es wohl auch eine passende Jacke. Marion schüttelte ihren brünetten Lockenkopf: „Komm, ich zeig Dir Dein Zimmer und dann müssen wir für Dich passende Klamotten kaufen, dass wird uns sicher viel Spaß machen!“ 

Marion  und Ramona kehrten bepackt mit Tüten verschiedener Boutiquen in die Wohnung zurück: „Heute Abend wird das erste Mal sein, dass du Dich als Frau ausprobieren kannst!“  schmunzelte Marion  „Du hast keine Vorstellung, wie manipulierbar Männer sind!“ -  „Was soll ich tun, wenn einer mich gleich haben will?“ fragte Ramona, sichtlich besorgt um ihr Heil. „Ganz einfach, Du tust das, was Dir als Mann auch Spaß gemacht hat – nur als Spiegelbild! Du wirst sehen - es ist ganz einfach!“ antwortete Marion unbekümmert. Ramona trat vor den Spiegel – ihre neue Freundin hatte sie regelrecht genötigt, die neuen Dessous gleich am ersten Tag auszuprobieren. Der rote Hüfthalter saß fest, die Strapsbänder spannten leicht – die Strümpfe glänzten in einem in einem herausfordernden Schwarz. Marion gab Ramona die durchsichtige Bluse – der rote Büstenhalter stach unter dem schwarzen Gizze hervor.  „Zufrieden?“ fragte Marion und lachte: „Du wirst heute im Miner`s Pub sehr begehrt sein!“

Die Kneipe  befand  sich am Ende einer halbdunklen Strasse, die in einen kleinen Platz einmündete. Schon aus größerer Entfernung konnten die Beiden die rauen Stimmen der Männer und deren Gelächter hören. Die Absätze der Frauen hallten im Halbdunkel, das nur vom spärlichen Licht der Laternen von Zeit zu Zeit unterbrochen wurde. Marion öffnete die Tür, das  gedämpfte Licht am Tresen brach sich im Zigarettendunst – Ramona fühlte sich zunehmend unwohl. Kaum hatte sich der Vorhang des schmuddeligen Windfangs  hinter  den Beiden geschlossen – spürte Ramona einen festen Arm um die Taille, der sich wohl nicht so leicht abschütteln ließ. Unwillkürlich schrie sie auf und versuchte sich aus dem Griff heraus zu winden. Der Mann seitlich von ihr roch nach Zigaretten und Whisky – eine  Melange, die sie fast übel werden ließ.  Eine zweite Hand schob sich unter ihren Rock – sie vernahm eine  verrauchte Stimme; „Jetzt hab’ Dich nicht so, Schätzchen ......!“

........Ramon wachte Schweiß gebadet aus dem Schlaf und setzte sich abrupt in seinem Bett auf. Warum war es im Zimmer so hell – mitten in der Nacht?

Er bedeckte das Gesicht mit seinen Händen um sich vor dem gleißenden Licht eines Handstrahlers zu schützen. „Mr. Roman Atkinson?!“ fragte eine ungeduldige und überaus Dienst beflissene Frauenstimme aus dem Dunkel.

Roman nickte nur leicht mit dem Kopf, sichtlich völlig verwirrt. „Sie werden verhaftet wegen Missachtung von Frauen und deren Rechte! Alles was Sie von nun an sagen, kann und wird vor Gericht gegen Sie verwendet werden. Sie haben das Recht zu schweigen und das Recht auf einen  Anwalt. Ziehen Sie sich unverzüglich an!“ 

Und so nahm das Schicksal von Roman seinen Lauf – nur diesmal in der wirklichen Realität.

Ogami