Janus I   auf der Erde

 

 

 

Aldwin trat aus dem Elevator und verließ die Sonnen zugewandte Seite der Plattform der Lobby,  um im Dunkel des Weltraums das kalte Licht der Sterne, die sich punktförmig am Firmament zeigten, als wären sie mit dem Salzstreuer in das Nichts des absoluten Schwarz verteilt worden, zu betrachten. Ein Punkt schien sich jedoch zu bewegen – oder war es nureine Sinnestäuschung? Nein, war es nicht    allmählich wurde er zu einer kleinen Scheibe, schließlich nahm das sich nun schnell vergrößernde  Objekt Konturen an. Der Orbitshuttle war eine elegante Erscheinung, gepfeilte Tragflächen sowie einen zigarrenförmigen Rumpf; so wie man es aus den alten Zeiten des Atmosphärenfluges kannte. Die interstellarenSchiffe dagegen waren unförmige Gebilde, oft bestückt mit Anbauten, die wie Warzenauf der Außenhaut klebten – Ästhetik war nicht gerade das erste Fach der Ingenieure.

Der Shuttle schwenkte in einem eleganten Bogen und verringerte seine Geschwindigkeit –bis der Abstand zur Orbitalstation keine hundert Fuß mehr betrug, als ein Greifarm vom Landungsdock sich wie von Geisterhand aufklappte und das Schiff in das Dock zog.

Der Handelsagent verließ die gläserne Aussichtskugel und fuhr mit dem Elevator in das Innere der Station. Als Aldwin die Schwerkraftzone der Station verließ, schlug die Gravitation unvermittelt zu. Es wurde im beinahe übel – er war schon seit Monaten  nicht mehr der Schwerelosigkeit ausgesetzt gewesen.

Im Warteraum hatte sich eine illustre Gesellschaft versammelt, einige Wenige waren eindeutig Wochenendtouristen, die ein Pauschalangebot genutzt hatten. Lärmend und sichtlich etwas angeheitert führten sie eine lautstarke Diskussion über die Frage, ob man in der Schwerelosigkeit mit dem Partner intim sein könne. Eine zierliche Blondine trug Highheels, obwohl hier im schwerelosen Bereich nur Schuhe mit Magnetstreifen erlaubt waren. Die Stewardess überblickte die Situation mit hochgezogenen Augenbrauen, schritt aber noch nicht ein. Dies änderte sich, als die  Dame, sichtlich mit der Schwerelosigkeit kämpfend, sich kichernd an ihrem Freund festzuhalten versuchte. Dies misslang ihr aber ganz gründlich – sie fing an zu schweben und dabei verfing sich ihr weiter Rock an einem der Haltegriffe, die von Zeit zu Zeit an der Wandung befestigt waren. Eine Naht gab mit einem hässlichen Ton kund, dass sie nicht länger gewillt war, der Belastung stand zu halten. Die Gesellschaft begutachtete unter großem Gelächter die roten Strapse der Unglücklichen – solche Unterwäsche war eigentlich für solche Reisen ungeeignet. Das Kabinenpersonal ermahnte die Reisenden und wies auf die Sicherheitsvorschriften hin – aber nach diesem Vorfall verlief der Rückflug ohne weitere Störung.

Der Flug mit dem Shuttle war, wie immer ein Erlebnis – zwei Sonnenuntergänge und – Aufgänge innerhalb von einer Dekatriade konnte man nur bei einem Transfer von der Orbitalstation auf Terra erleben. Das Rund des Planeten wurde zusehends flacher, umso mehr sich das Schiff dem Planeten näherte. Als es in die Atmosphäre eintauchte, verblasste der Horizont und wurde diffus, dann milchig und heller und heller – die Luft nahm an Dichte zu und die Farben gewannen an Intensität.

Polternd landete der Shuttle auf dem Runway und rollte zu der Passagierbrücke. Aldwin beeilte sich, sein spärliches Gepäck in Empfang zu nehmen, um schnellstens in die Stadt zu kommen. Vor dem Flughafengebäude wurde Aldwin von einem Mann mittleren Alters angesprochen:

„Mr. Aldwin McPekinpah?“ – die schottische Abstammung konnte Aldwin unmöglich verbergen. „Meine Name ist Chris – ich bin Ihr Fahrer oder besser Pilot. Ich habe den Auftrag, Sie so schnell wie möglich in die Zentrale der Gesellschaft zu bringen!“ Aldwin folgte ihm zu dem wartenden Speedair auf dem Helikopterplatz. Der Auftrag, der auf ihn wartete, schien von höchster Dringlichkeit zu sein; sonst hätte sich sein Chef wohl nicht die Mühe gemacht, ihn abholen zu lassen.

Der Verkehr war ungewohnt ruhig zu der Tageszeit – Chris gab zur Erklärung, dass die Urlaubszeit in Magallan City seit einer Woche so richtig zu spüren wäre. Für eine mittlere Stadt mit 20 Millionen Einwohnern also eine normale Erscheinung. Aldwin hatte aufgrund seiner ständigen Reisetätigkeit und der davor langen Stationierung im All bei den Space Marines  schon längst jegliches Gefühl für die Jahreszeiten sowie die Lebensumstände seines Heimatplaneten und deren Bewohner verloren. Er erlebte die Erde praktisch nur episoden-weise.

Das Speedair bremste abrupt über einer Ansammlung von Hochhäusern, drehte sich elegant um die eigene, vertikale Achse und senkte sich langsam auf das nächstgelegene Dach mit einer gelb gekennzeichneten Landezone. Aldwin übernahm von Chris sein Gepäck und betrat die Empfangshalle im obersten Geschoß. Am Empfang wartete schon sichtlich ungeduldig der Sekretär von Mr. Sinclair Cornwallis, CEO der kleinen, aber feinen Handelsgesellschaft für exoterrestrische  Güter und Dienst-leistungen. „Meine Name ist Colin, ich bin der Sekretär vom Chef – er wartet schon ungeduldig auf Sie!?“ begrüßte der junge Mann  Aldwin freundlich  und musterte ihn zugleich neugierig. Von diesem McPeckinpah hatte er schon gehört – eigentlich schon zuviel. Dieser Mann war eine Legende  - die heikelsten Missionen wurden stets ihm anvertraut und seine Erfolge waren Firmengeschichte. „Ich würde gerne zuerst in mein Hotelzimmer und mich frisch machen – ein neuer Anzug würde mir sicher auch gut zu Gesicht stehen!“ antwortete Aldwin und steuerte ohne eine Antwort abzuwarten auf den Elevator zu. “Melden Sie dem CEO, dass ich ihn um 1700 aufsuchen werde!“ Die Türen des Aufzuges schlossen sich vor Aldwin und mit diesen Worten allein gelassen, wandte sich Colin um und zog geistesabwesend sein Mobil aus der Tasche, um Bericht zu erstatten. Er wusste zwar aus der Personalabteilung, das McPeckinpah ein Exmilitär war – aber keiner hatte ihn vorgewarnt, dass ihn ein solch barscher Befehlston erwartete.

Am Empfang im Hotel erhielt Aldwin seinen Zugangscode für sein Zimmer. Er war müde  und angestrengt von den vielen Leuten um sich und so beeilte er sich, in das Zimmer zu kommen. Er schloss die Tür hinter sich erleichtert - endlich ein Raum für sich alleine ohne irgendwelche fremden Touristen oder andere Menschen, die einen belästigten. Er legte seinen grauen Anzug bereit, dimmte das indirekte Licht des Raumes soweit, dass die Konturen anfingen, weich zu werden und die dunklen Farben ihren Charakter zu verlieren. Bevor er das Bad betrat, wählte er mit Hilfe von i-Tunes Jazzmusik – „Beyond the Serenades“ von Till J. Tucker aus – einer seiner Lieblingsmusiker und stellte den Sound auf maximale Lautstärke. Nach dem er sich für das Meeting fertig gemacht hatte, verließ Aldwin seine  Suite und ging zum Elevator. Die zylindrische Aufzugbox glänzte metallen, die Fenster gingen vom Boden bis zur Decke; sie waren so schmal, das kein Fahrgast einen richtigen Überblick über das Panorama der Stadt gewinnen konnte. Da der Korb aber wie üblich an der Außenseite des Gebäudes hing um im Innenraum Platz zu sparen, war dies wohl der Sicherheit geschuldet. Bei einer durchschnittlichen Gebäudehöhe von einer englischen Landmeile ein verständliches Konstruktionsmerkmal. Auf der 246. Ebene  hielt der Aufzug unerwartet, die irisförmige Tür öffnete sich und eine Dame in einen langen Umhang gehüllt, trat ein. Ihre dunkelblonden Haare waren nach der aktuellen Mode kunstvoll zu einem Turm mit sich windenden Haarsträhnen frisiert; um ihren freien Nacken lag eine dreireihiges Perlencollier, zusammengehalten von einem großen Verschluss mit einem turmalinfarbenen Stein. Aldwin betrachtete ihre Gestalt und hoffte auf eine Reaktion – wie auch immer sie ausfallen würde. Sie drehte sich zu ihm um, hob ihren Kopf und sah Aldwin geradewegs ins Gesicht, fixierte ihn kurz und schloss  für einen kurzen Moment ihre großen, graugrünen Augen. Ihr Gesicht war ebenmäßig, das Make up verriet jedoch, dass die Dame unzweifelhaft zu einem Event unterwegs war. Dann warf sie mit einer kurzen Bewegung den dunklen Umhang ab und trat mit zwei schnellen Schritten auf Aldwin zu und legte beide Hände flach auf seine Brust: „Keine Namen, kein woher und wohin!“  Aldwin nickte und bestätigte sie: „Keine Namen – Mein Gott, bist Du schön!“ Die Frau drehte sich um und drückte die Stoptaste des Aufzuges: „Sie werden es im Facility office  nicht gleich bemerken, dass die Kabine steht – zehn Minuten haben wir!“

Aldwins Hände glitten über ihre Taille abwärts – und  zog  ihr schnell den glockig geschnittenen Rock hoch, um sie um ihr Hüften zu fassen. Ihr Taille  fühlte sich aber fremdartig fest an, als wäre ein Panzer zwischen seinen Händen und ihrem Körper. „Oh – mein Korsett – Ich hoffe, es stört dich nicht“  sagte sie leise und öffnete geschickt seine Hose. Sekunden später fand er ihren Slip, bereit ihn ihr herunterzuziehen, sie wehrte in jedoch ab: „Mein Höschen hat für dich einen Einlaß – küß mich jetzt von innen – ich möchte es jetzt ganz schnell“ Ihre Schenkel waren nackt, er spürte mit seinen Händen die breiten Straps-bänder, welche die glänzenden Strümpfe zwangen, ihre Fesseln faltenfrei zur Geltung zu bringen. Aldwin spürte, wie  ihre Hände ihn zwischen die Rüschen ihres Slips geleitete und ihn, nachdem er sie schnell und ohne jede Furcht des ersten Mal nahm, mit festen Beinen umklammerte. Er hob sie hoch und stieß tief in sie hinein - ihre Nässe überraschte ihn – oder war es schon so lang her, dass seine Erinnerung ihn im Stich ließ !? Sie stöhnte erleichtert auf – nach mehreren Stößen, gefolgt von dem unbeschreiblichen Gefühl der Verbundenheit, löste sich die Spannung in der jungen Frau, sie zog Aldwin’s Kopf zu sich und küsste erst sein Gesicht und dann seine Lippen, kurz und heftig, um dann hastig Abschied zu nehmen. Nachdem sie ihre Strumpfbänder und Nylons gerichtet, den Rock geglättet, den Umhang umgeworfen und den Elevator wieder in Betrieb gesetzt hatte, brach Aldwin das Schweigen: „Du bist für mich perfekt – wir sollten uns wieder treffen!“ Mit keinem Ton schien sie zuzugeben wollen, dass sie eben den Akt mit einem fremden Mann vollzogen hatte: „Ich bin nicht für eine Widerholung a’la „Der letzte Tango in Paris“ geeignet“ antwortete sie mit einem kurzen Augenaufschlag,  ohne irgendeine  Regung erkennen zu lassen.  Sie verließ die Kabine in Ebene 184 ohne sich umzudrehen.

Etwas benommen nach diesem plötzlichen Tete a’ Tete verließ Aldwin den Lift auf der 52 Ebene; derjenigen, auf der sich die Räume der Handelsgesellschaft befanden. Schon seit mehr als drei Jahren war Aldwin im Außendienst dieser Firma, wenn er aber die Zentrale betrat, was selten genug vorkam, fühlte er sich immer wieder als Fremder. Das Shortie im Lift mit der unbekannten Schönen hätte ihn eigentlich beflügeln müssen, gleichwohl wollte sich bei ihm kein Hochgefühl einstellen. Er konnte dieses verdammte Büro des CEO nicht gleich finden. Die Unzahl von Gängen, Türen und Schilder, die von Namen und deren Wichtigkeit oder je nach dem, ihrer Unwichtigkeit kündeten, lösten einander ab – das Wirrwarr war stets das gleiche für ihn. Da die Arbeitszeit zu Ende war, lagen die Gänge verlassen im Halbdunkel –  keine Person weit und breit, die Auskunft hätte geben können. Auch die Bildschirme der elektronischen Guides waren schon dunkel. Ein Blick auf sein Chronometer sagte ihm, das es schon 1657 war –  Aldwin hasste Unpünktlichkeit, vor allem an sich selber. Als Offizier bei den Streitkräften hatte er stets auf diese Tugend bei seinen Untergebenen geachtet.

Endlich stand er vor der Tür von Mr. Sinclair Cornwallis, sie glitt auf Berührung auf und Aldwin trat ein. Das Büro wurde von einem indirekten  Lichtschleier erhellt, der sich an Wänden entlang zog. Auf der Fensterseite brach sich das Licht silbern in einem Vorhang aus Kristallen, die wie Perlenstränge von der Decke hingen. Dahinter ließ sich die erleuchtete Douwntoun von Magallan City nur erahnen.

Ein massiger Mann stemmte sich aus seinem Bürosessel – seine Mundwinkel umspielte ein breites Lächeln, er war sichtlich froh, seinen Agenten für alle Fälle in guter Verfassung begrüßen zu können. „Hatten Sie einen guten Transfer?“ Cornwallis schüttelte die Hand Aldwins heftig „Wir haben uns ja schon seit sieben Monaten nicht mehr gesehen – ein halbe Ewigkeit! Was wollen Sie trinken, altes Raubein?“ Er hantierte bereits mit ein paar Flaschen, die abseits in einer Ecke auf einer Anrichte standen. Die unterschiedlichen Füllstände der gläsernen Behälter und Karaffen taten kund, das sie hier nicht musealen Zwecken dienten. „Sehr freundlich, Mr. Cornwallis –  wenn sie einen irischen Malt haben, gerne auf etwas Eis!“ antwortete Aldwin wohl wissend, das Mr. Cornwallis es sicher als Barbarei ansehen würde, Malt auf Eis zu trinken. Aldwin war aber gebürtiger Australier und damit immun gegenüber gewissen kulturellen Gepflogenheiten. „Wie Sie wünschen – Malt auf etwas Eis!“ Cornwallis überreichte Aldwin das Glas „Setzen wir uns doch, Ihre Berichte und Verhandlungsergebnisse über die Schürfrechte von Mangan auf Zentaur II habe ich schon per Lichtspruch erhalten. Ich muss Ihnen ehrlich sagen, noch zwei oder drei Erfolge dieser  Art und Sie können bald meinen Sessel einnehmen! Wissen Sie, ich werde jetzt 74 und ich möchte ganz gerne noch ein paar weitere Reisen im Hyperraum machen, bevor ich die Pensionierungsgrenze erreiche! Ganz im Ernst – ich halte Sie für den besten Nachfolger, den ich mir wünschen könnte! Denken Sie einmal darüber nach!“ Aldwin hob abwehrend die linke Hand: „Sie wissen doch, ich bin eine unruhige Natur, ein Bürojob würde mich das Leben kosten. Aber vielen Dank für Ihr Vertrauen!“ Cornwallis hob sein Glas „Zum Wohl – auf den Erfolg von Zentaur II und auf Ihre neue Aufgabe, den Planeten Janus!“  Die Männer stießen die Gläser zusammen; Aldwin fragte sich insgeheim, was es mit der neuen Aufgabe auf sich haben könnte. Cornwallis aber war ein mitteilsamer Mann – es war sicherlich nicht notwendig, in ihn zu dringen.

„Also kommen wir zu dem Planeten Janus, wie Sie sicherlich gelesen haben, befindet er sich im Sternbild der Nördlichen Krone, 456 Parsec entfernt„  hob der CEO an und betätigte ein paar Tasten seines Computers; an der Decke des Büros öffnete sich ein Paneel, glitt zur Seite und ein Holographprojektor kam zum Vorschein. Nach dem das Gerät summend seine endgültige Position erreicht hatte, begann es sofort mit der Projektion. Im Halbdunkel entstand  ein Abbild des terrestrischen Sonnensystems, welches nach kurzer Zeit verkleinert  in eine Ecke des Raumes geschoben wurde und dort verharrte. „Seit einem Jahr sind sporadische Reisen zu dem Planeten möglich – in der Regel nur mit Schiffen der Föderation, welche Diplomaten oder Fachleute für die Erschließung hinbringen. Ein geregelter Verkehr oder Güteraustausch ist noch nicht möglich, da die diplomatischen Verhandlungen über Landerechte und Kulturaustausch noch am Laufen sind. Aber ich habe es geschafft, für Sie ein Visum für drei Monate zu bekommen. Wer zuerst da ist, malt zuerst!“ Cornwallis freute sich sichtlich über seinen Coup, einen zivilen Handelsagenten noch vor dem Abschluss der Föderationsverträge auf diesen, neu entdeckten Planeten am äußersten Rand der heimischen Milchstraße, entsenden zu können. Er drückte einige weitere Knöpfe seiner Tastatur und ein weiteres Sternsystem tauchte im Raum des Büros auf – gleichzeitig projektierte das Gerät die mathematischen  Koordinaten. „Das System  der Janiden. Oder wie sich selber nennen; die Zweigeschlechtigen!“ Cornwallis ließ sich zufrieden in seinen Sessel fallen: „Deswegen hat die Kommission für Kulturaustausch auch den Föderationsnamen ‚Janus’ vorgeschlagen – die Doppelgesichtigen; irgend ein lateinischer Name aus dem Altertum – Sie wissen schon!“ und nachdem Aldwin nicht gleich antwortete, setzte er ein ungeduldiges „Was sagen Sie jetzt?“ hinzu. Aldwin trank sein zweites Glas aus und stellte es zufrieden auf den kleinen Glastisch neben seinem Clubsessel: „Nichts wie hin – wann soll es losgehen!? Sicherlich gibt es dort neue Rohstoffe, die interessant sind. Was produzieren die eigentlich besonderes auf diesem Planeten?“ „Gedichte und Romane“ antwortete Cornwallis lakonisch und innerlich grinsend, da er wusste, dass ein Mann wie McPekinpah damit nichts anfangen konnte. „Gedichte und Romane“ wiederholte Aldwin ungläubig und ließ sich bereitwillig von Cornwallis einen dritten Drink einschenken. „Es gibt eine Besonderheit auf diesem Planeten – diese Bewohner leben nicht in großen Städten und noch weniger in festen Strukturen. Sie gründen, wenn überhaupt nur für kurze Zeit ein familienähnliches Gebilde, wenn sie mit einem anderen Partner ein Kind haben. Ist das Kind alt genug, kommt es in eine Art Internat und die Partner trennen sich wieder.“ Aldwins Chef holte weiter aus: „Sie handeln mit wenigen Gütern – in erster Linie untereinander mit Gedichten und Prosa, dies scheint auch ihr Lebenszweck zu sein. Für den Export sammeln sie Edelsteine und es gibt kleine Vorkommen von Uran.“

Aldwin betrachtete den bereits gesunkenen Stand seines Glases, er war noch ganz in Gedanken im Lift – verdammt, diese Frau müsste sich doch finden lassen! Cornwallis fragte nach:“Was kochen Sie aus, Aldwin?! Oder glauben Sie nicht an Chancen auf diesem neuen Planeten? Heraus damit!“ Aldwin beeilte sich: „Doch, doch – ich denke schon! Aber ich müsste mehr über diese Ureinwohner wissen. Sind sie auf dem gleichen technischen Level wie wir oder muss da erst Entwicklungshilfe geleistet werden?“  „Wissen Sie was, ich habe für diesen Zweck extra eine Ethnologin für extraterrestrische Welten engagiert - morgen um neun Uhr haben Sie einen Termin mit ihr hier in unserem Besprechungsraum. Und jetzt gehen wir zusammen ein anständiges Steak essen – mit allem Drum und Dran!“ Der Mann klopfte Aldwin auf die Schulter und wandte sich zur Türe. „Ach ja, die junge Frau ist meine Nichte – ich glaube, sie wird Ihnen gefallen!“ Der Nebensatz fiel im Gehen, dass Timing war aber unüberhörbar.  Aldwin dachte bei sich, auch dass noch – er verabscheute berufliche Verpflichtungen privater Art besonders. Der schlaue Fuchs hat das sicher so eingefädelt, um ihn an die Firma zu fesseln. Aber vielleicht war er für seine Person auch zu misstrauisch – aber dem CEO  zuzutrauen wäre es schon.

Der neue Tag begann für Aldwin ungewohnt luxuriös – das Frühstücksbuffet im Hotel war für ihn ein seltener Genuß, den es auszukosten galt. Auf den interstellaren Reisen gab es in der Regel nur ein englisches, sprich spartanisches Essen – nicht wirklich als Frühstück zu bezeichnen. Eine gute Küche  gab es nur auf den großen bewohnten Welten – weit draußen, im Outer Space war die Versorgungslage auf das Minimum beschränkt und meistens von regionalen Einflüssen bestimmt.

Aldwin betätigte den Türöffner und die beiden Flügel glitten von Geisterhand auseinander und gaben den Blick frei in den Konferenzraum; die Glasfront hinter dem riesigen, ovalen Tisch zeigte  die Stassenschluchten der Ctiy. Manches Bürogebäude in der Nachbarschaft überragte das eigene um viele Stockwerke. Die Silhouetten zeichneten sich schattenartig in dem Licht der aufgehenden Sonne ab. Die Fensterfront zeigte nach Osten –das Licht flutete zwischen den Gebäuden hindurch -  Lichtstrahlen brachen sich im Dunst des Smogs, dessen Schwaden aus den Tälern  zwischen den Wolkenkratzern in der ersten Thermik des frühen Morgen aufstiegen.

Beinahe hätte er das weibliche Wesen am Tisch in der Ecke nicht erkannt – sie stellte gerade ihre Tasse Kaffe vor sich hin und wollte gerade in ihr laptop sehen, als sie Aldwin gewahr wurde. Ruckartig schnellte ihr Kopf hoch „Du hier!?“ brachte sie gerade heraus; Aldwin lächelte und stellte sich sogleich vor: „Gestatten, mein Name ist McPeckinpah – Aldwin McPeckinpah!“ Aldwin nahm sogleich einen Stuhl und setzte sich direkt der jungen Dame gegenüber an den Tisch. Die James -Bond-Marotte konnte er nicht lassen – vor allem passte die Situation; die Überraschung war perfekt. Hinter den beiden räusperte sich jemand, Mr. Cornwallis trat ein und sagte: „Guten Morgen, ihr beiden! Wie ich sehe, habt ihr Euch schon bekannt gemacht oder nicht?“ Ein fragender Blick streifte Aldwin und Mariotte, den so hieß die junge Dame mit der ausgefallenen Phantasie für Erotik. Allerdings ahnte ihr Onkel nichts von alledem, kannte er seine Nichte nur als fleißiges Mädchen, welches stets korrekt und höflich mit ihm umging. „Darf ich vorstellen: meine  Nichte Mariotte; sie ist die ältere Tochter meiner jüngeren Schwester – ein wahrer Ausbund an Intelligenz, passen Sie auf, Aldwin – sie ist Ihnen über!“  Ein breites Lachen begleitete seine Miene, er war sichtlich Stolz auf Mariotte. „Ich werde Euch jetzt gleich allein lassen, denn mein Terminkalender ist heute mehr als voll – aber Ihr werdet sicher gut miteinander arbeiten. Mariotte wird Ihnen alles Wissenswerte und Notwendige über Janus berichten und Sie vorbereiten!“ sprach’s und verließ den Raum.  Nachdem sich die Türen  zischend geschlossen hatten, wandte sich Aldwin sogleich Mariotte zu, die etwas konsterniert auf ihrem Sessel hin- und herrutschte.

„So trifft man sich wieder!“ Aldwin lächelte Mariotte  an. „Du wirst doch nicht meinem Onkel etwas erzählen?“ fragte sie ihn, sichtlich besorgt. „Aber nein – nur wenn Du nicht mit mir ausgehst!“ Aldwin lächelte sie böse an, musste aber dann lachen, denn Mariotte gab alles andere als die selbst bewusste Frau von gestern Abend ab. „Du denkst hoffentlich nicht jetzt von mir, dass ich leicht zu haben bin?!“  Aldwin lächelte sie an: „ Aber nein, wo denkst Du hin – ich glaube nur, dass Du alleine bist und ein etwas Anlehnung suchst.“ Mariotte fasste nach der rechten  Hand von ihm und fixierte ihn mit ihren großen Augen: „Laß uns unseren Job machen – später werden wir dann ja sehen!“; im Vorbeigehen streichelte sie ihn im Schoß und Aldwin, sichtlich jetzt aus dem Konzept kommend: „Gut – aber der heutige Abend gehört uns!“  Mariotte spitzte die Lippen und nur für einen Bruchteil konnte  Alwin ihre Zungenspitze sehen – ganz schön raffiniert von ihr, dachte er sich bei sich.

„Also – ich weiß nicht ob ich Dich wirklich über Janus informieren soll, vielleicht ist es ja besser, du findest allein heraus, was für eine Spezies auf diesem Planet lebt! Nein, nein, war nur ein Witz!“ lächelte sie, als sie Aldwins Stirnrunzeln sah. „Auf Janus leben die Doppel- oder besser Zweigeschlechtigen. Sie wechseln je nach Mondphase und Jahreszeit ihre Gesichtszüge und je nachdem, für welchen möglichen Partner sie sich interessieren. Praktisch mutieren sie von Mann zu Frau und umgekehrt – abhängig von eben den genannten Bedingungen und ob sie sich für einen Partner interessieren!“ Mariotte stockte um Luft zuholen, aber Aldwin kam ihr zuvor: “Du willst doch nicht mir weiß machen, dass es so was gibt! Auf meinen interstellaren Reisen ist mir eine solche Spezies noch nicht untergekommen und ich hätte sicher davon gehört. Also hör auf, mich zu verkohlen und sag mir lieber, ob du mit mir heute Essen gehst!“ „Ich verkohl dich nicht und ja, ich verspreche Dir, heute mit dir Essen zu gehen! Und wenn Du brav bist und jetzt schön mitarbeitest, gibt es mich zur Nachspeise!“ Mariotte kniff die Augen zusammen und lächelte Aldwin spitzbübisch an – sie war sich ihrer Wirkung bewusst und hatte ihre Contenouce  nach der ersten Überraschung schnell wieder zurück gewonnen. „Also, wir wissen über diesen Planeten noch recht wenig – denn die Einwohner verhalten sich wie die Mafia im 20. Jahrhundert: nicht reden, nichts wissen und vor allem halten sie ihre Lebensart der Unseren weit überlegen. Technik und gesellschaftlicher Fortschritt ist ihnen nicht fremd – aber eben nicht notwendig. Aus ihrer Sicht genügt es sich selbst zu genügen. Sex und der Flirt dagegen steht an erster Stelle. Übrigens, als Zahlungsmittel werden Gedichte benutzt – umso besser Du im Dichten bist, umso wohlhabender und  auch begehrter bist Du!“  „Oh, je“ warf Aldwin ein „Da lande ich bei meinen Qualitäten garantiert auf der Gosse!“

 Aldwin rückte seine Krawatte zurecht, bevor er den Summer von Mariotttes Eingangstür betätigte. Nach ein paar Augenblicken öffnete sich die Tür und seine vielleicht neue Freundin begrüßte ihn lächelnd. Sie nahm seine Hand und führte ihn sogleich in das Wohnzimmer. Dann drehte sie sich um und genoss erst einmal seinen bewundernden Blick, der ihren gesamten Körper nach und nach musterte. Mariotte hatte ihr Kleid noch nicht angezogen, so konnte Aldwin sie ganz betrachten. Sie trug eine Büstenhebe, dazu ein Tallienmieder mit breiten Strapsbändern, an denen hauchzarte Strümpfe befestigt waren. Die hohen Pumps betonten die Ferse und Nähte der Strümpfe. Alles war in tiefem Schwarz gehalten. Darüber trug sie ein durchsichtiges Neglee aus schwarzem Tüll, dass unter der Brust gerafft war und die Brüste mehr betonte als verdeckten. Aldwin stockte fast der Atem; Mariotte kam ganz nah zu ihm und küsste ihn sanft, gleichzeitig spürte er, wie sie vorsichtig aber bestimmt seine Hose öffnete. Dann ging sie langsam in die Hocke und öffnete gänzlich seine Hose – Sekunden später  kam Aldwin es vor,  als würde er verschlungen; er spürte ihre Zähne und dann wieder ihre Zunge, die seinen Penis liebkoste. Nach einer langen, nicht enden wollenden Minute ließ Mariotte von ihm ab zog ihn zu einem Tisch und setzte sich darauf. Sie spreizte die Beine und legte sie auf die Schultern von Aldwin. „Du kommst immer gleich zur Sache, mein Liebling!“ sagte Aldwin. Mariotte antwortete nicht, sondern drängte seinen Penis mit ihren Händen in ihren Schoß. „Mach es langsam – ich möchte es so richtig  genießen!“ befahl sie ihm mit einem Augenaufschlag;  ihr Mund öffnete sich zu einem leichten Seufzer, als Aldwin ihre Vagina ausfüllte. „Oh – ich liebe es vor dem Essen richtig gevögelt zu werden, pardon verwöhnt zu werden!“ verbesserte sich Mariotte errötend - dabei blitzten ihre Augen; ihre Offenheit schien ihr nicht peinlich oder war es  ihre Unbekümmertheit?

Das Lokal lag in einer elipsoiden Gondel, die an einem langen, gebogenen Ausleger über einem Straßental der Megacity hing. Durch die ovalen Fenster sah man den Sonnenuntergang, der sich blutrot ankündigte. Vereinzelte Zirruswolken wurden vom Gestirn orangepink angestrahlt – das blasse Blau des Himmels gab einen reizvollen Kontrast. Die Skyline hingegen hob sich dunkelgrau und bedrohlich von ihm ab. Nur vereinzelte Lichter in den höheren Etagen verrieten die Anwesenheit von der Spezies Mensch. Hin und wider zog ein Speedair surrend vorbei – in dieser Höhe flogen nur Maschinen zu den Raumhäfen. Bald würde Aldwin eines von ihnen benutzen. Der Boden des Raumes bestand aus Plexiglas – unten in den Straßenschluchten war das Nachtleben schon im vollen Gange; die Neonlichter strahlten aus der Tiefe der Strassenschluchten und ließen die Höhe der Wolkenkratzer nur erahnen.

Mariotte schlug die Speisekarte auf, ihr hochgestecktes Haar und das tiefblaue, hoch geschlossene Kleid aus Seidentaft verriet nichts von dem erotischen Auftakt des Abends. Aldwin musterte verstohlen seine neue, unverhoffte  Liebe, wie sie in der Karte angestrengt die Angebote des Restaurants studierte. „Ich habe vielleicht einen Hunger – lass uns den Abend richtig feiern, mein Onkel wird Dich sicherlich sehr schnell losschicken und die Zeit bis dahin müssen wir noch genießen!“ Mariotte lächelte Aldwin an und und schlüpfte mit dem linken Fuß aus ihrem Pump um sogleich mit der Fußspitze den Schoß von Alwin zu ertasten. Alwin hob erst die Augenbrauen hoch: „Mariotte, benehme Dich nicht wie ein läufiger Teenager! Es ist Deiner nicht würdig!“ Mariotte zog einen Schmollmund und gehorchte- etwas widerwillig und ihr etwas befremdlich – so kannte sie sich gar nicht. Bisher war eine solche Ermahnung für sie eher Anerkennung und Ansporn.

„Also, Du hast mir jetzt allerlei Wirtschaftdaten, kulturelle Aspekte,  Geographie und Geschichte sowie politische Bedingungen über Janus erzählt – aber nicht über die Einwohner. Was für welche Leute erwarten mich da!?“ nahm Alwin das Tischgespräch auf. Mariottte lächelte erst, dann wurde sie ernst: „Eigentlich sollte ein frisch verliebte Frau alles unternehmen, um zu verhindern, dass ihr Geliebter auf einen solchen Planeten fliegt! Das merkwürdige und zugleich wunderbare bei seinen Bewohnern ist, das sie doppelgeschlechtlich  sind. Ist einer von ihnen ohne Partner,  also alleine, unterliegt sein Geschlechtswechsel den Jahreszeiten und den Mondphasen. Es gibt von den Monden derer drei. Die Berechnung ist komplex und Aufgabe ihrer Priester. Der gesamte religiöse Kult dreht sich um nichts anderes –  die Fortpflanzung hängt davon maßgeblich ab.

Nun ist es so, trifft ein Mann einen Partner, der vom Zyklus gerade eine Frau ist, entsteht eine Familie, allerdings nur für kurze Zeit. In dieser Zeit behält jeder sein Geschlecht – wenn Du so willst, seine Rolle. Nach einem gewissen Zeitraum trennen sie sich wieder. Warum und wieso wissen wir noch nicht so genau. Vielleicht findest Du etwas heraus. Und nun das Besondere: da es nicht sehr viele Einwohner auf dem Planeten leben und wir als Rasse von Terra ihnen offensichtlich gut gefallen, sind wir als Partner interessant. Also, als Deine Freundin kann ich kaum damit einverstanden sein, dass Du dorthin fliegst!“ Mariotte fixierte Aldwin scharf über den Tisch „Du kannst doch unmöglich schon jetzt eifersüchtig sein; vor allem nicht auf ein fiktives Wesen in einer anderen Galaxie!“ lachte Aldwin. „Kann ich schon – muss aber nicht“ gab sie zurück. „Aber, Du hast Recht, ich bin albern!“  Mariotte zog eine Schnute und gab dann ihre Bestellung an den Kellner, der schon ein ganze Weile von ihr  unbemerkt neben ihr gewartet hatte und zunehmend interessiert, an ihrem Vortrag, zugehört hatte. Der weitere Abend verlief wie zu erwarten, mit einer Diskussion über das Rollenbild der Frau und des Mannes, des jahrtausende alten Geschlechterkampfes, Kinsey-report etc. etc. etc. ...

Mariotte drückte sich fest an Aldwin, während des Kusses spürte er ihre Hand, die seinen Schoß streichelte: „Vergiß mich nicht gleich, mein Geliebter!“ flüsterte sie ihm ihn sein Ohr. „Wie kannst du so etwas sagen, Mariotte?“ entgegnete Aldwin und versuchte sich nun nach dem zweiten Aufruf für den Shuttle von ihr widerstrebend loszumachen. „Die fliegen gleich ohne mich – Dein Onkel zerreist mich in der Luft, wenn ich die Passage versäume!“ „Das werde ich zu verhindern wissen!“ lächelte sie ihn an und gab ihn frei. Aldwin ging durch das Gate ohne sich ein weiteres mal umzudrehen und betrat die Schleuse zum Shuttle.

Mariotte starrte eine Weile noch Gedanken verloren auf die nun geschlossenen Türen zum Abflugbereich, drehte sich dann abrupt um und verließ die Halle. Nur das energische Stakkato ihre hohen Stöckel verrieten ihren Gemütszustand.

Ogami